21.08.2019

Ethische Grenzen virtueller Realität in der Medizin

Freiburg – Der Neurologe Dr. Philipp Kellmeyer vom Universitätsklinikum Freiburg mahnt, die Möglichkeiten virtueller Realitäten in Medizin und der Pflege sensibel einzusetzen. Patienten sollten frühzeitig in die Entwicklung einbezogen werden.

Demenz, Angsterkrankungen, Schlaganfall: Das Spektrum möglicher Anwendungen virtueller Realität (VR) wächst rasant. Auf Demenzkranke im Pflegeheim kann eine Simulation ihrer ursprünglichen Umgebung beruhigend wirken. „Grundsätzlich lassen sich mittels virtueller Realität positive Effekte erzielen“, sagt Kellmeyer, der an der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums und am Freiburg Institute of Advanced Studies arbeitet. Doch oft würden die besonderen Bedürfnisse der Patienten nur unzureichend berücksichtigt. Wenn Demenzkranke beispielsweise nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können, sei das ein gravierender Eingriff in ihre Autonomie.
Der Neurologe sieht drei zentrale Risiken bei der Anwendung:
Erstens: Die Überzeugungskraft der VR-Simulation kann für therapeutische Zwecke genutzt werden, die letztlich auf einer Täuschung oder Illusion beruhen. Diese Instrumentalisierung schränkt die Autonomie der Patienten ein und ist auch im Hinblick auf die Menschenwürde mitunter problematisch.
Zweitens: Die VR-Anwendung zielt auf eine Verhaltensänderung des Nutzers ab, der sich dieser nicht entziehen kann. Dadurch ist die autonome Entscheidungsfindung gefährdet.
Drittens: Der Nutzer baut emotionale Bindungen zu virtuellen Figuren, sogenannten Avataren, auf und nimmt sie als vermeintliche reale Menschen an. Dies könnte einen sozialen Rückzug aus der realen Welt zur Folge haben.

Kellmeyer appelliert, technologische Lösungen nur dort einzusetzen, wo die Probleme nicht politisch oder sozial gelöst werden können. Auch sollten Patienten frühzeitig in die Entwicklung einbezogen werden. „Wir sollten wegkommen von entwicklergetriebenen hin zu patientengetriebenen Innovationen.“
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