23.02.2015

Neue Leitlinie Adipositas-Chirurgie – oder: Kann man Diabetes chirurgisch heilen?

Ein Statement von Matthias Blüher aus Leipzig, Professor für molekulare Endokrinologie und Vizepräsident der Deutschen Adipositasgesellschaft

Neue Leitlinie Adipositas-Chirurgie – oder: Kann man Diabetes chirurgisch heilen?Menschen mit krankhafter Adipositas können – rein technisch betrachtet – schon seit Jahrzehnten chirurgisch behandelt werden. Bei allen entsprechenden Verfahren geht es um zweierlei: Das Magenvolumen für die Nahrungsaufnahme zu verkleinern (Restriktion) und die Aufnahme von Nährstoffen – teilweise durch Umgehung entsprechender Dünndarmbereiche – zu erschweren (Malabsorption), um so einen maximalen Gewichtsverlust zu erzielen. Das Konzept Restriktion/Malabsorption allein reicht allerdings nicht aus, um die Effekte bariatrisch-metabolischer Operationen zu erklären.
Erst seit wenigen Jahren werden die metabolischen Effekte solcher Operationen in prospektiven, randomisierten Studien untersucht. Danach verbessert sich unter anderem die diabetische Stoffwechsellage von Patienten nach Adipositas-Operation zum Teil dramatisch, und zwar auch unabhängig vom (erst später einsetzenden) Gewichtsverlust. Die Adipositas-Chirurgie hat also direkte metabolische Effekte. Die bislang vorliegenden Daten bestätigen eindrucksvoll, dass die metabolische Chirurgie der konservativen Behandlung (Diät- und Bewegungsprogramm) kurz- und mittelfristig haushoch überlegen ist.
Diese beeindruckenden Erfolge sind allerdings nur erzielbar, wenn das Behandlungskonzept auf den einzelnen Patienten angepasst ist: Nicht jeder Adipositas-Patient benötigt eine chirurgische Therapie; und wenn ein Patient für eine OP infrage kommt, muss das für ihn geeignete Verfahren ausgewählt werden. Schließlich ist die Gewährleistung einer engmaschigen prä- und postoperativen ärztlichen Betreuung essentiell.
Warum es – auch gewichtsverlustunabhängig – zu den beschriebenen metabolischen Effekten kommt, ist bislang nicht vollständig geklärt. Restriktion und Malabsorption allein reichen als Erklärungsmuster jedenfalls nicht aus.
Die vorliegenden (Langzeit-)Ergebnisse rechtfertigen aber schon heute den breiteren Einsatz der metabolischen Chirurgie. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Ende Mai 2014 in Kraft getretene S3-Leitlinie „Adipositas – Prävention und Therapie“. Die von der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG) federführend herausgegebene Leitlinie empfiehlt beispielsweise die Durchführung eines metabolisch-bariatrischen Eingriffs auch ohne vorherige konservative Therapie, wenn besonders schwere Begleit- und Folgeerkrankungen vorliegen. Dasselbe gilt der Leitlinie zufolge auch für Patienten mit einem BMI >50 kg/m2 und bei Patienten, deren persönliche und psychosoziale Lebensumstände am Erfolg einer Lebensstiländerung zweifeln lassen.
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