22.07.2014

Telemedizin für chronisch Leberkranke

St. Ingbert – Menschen mit kranker Leber könnten durch Telemedizin ihre Lebensqualität verbessern. Doch noch fehlen die geeigneten Systeme für die Betreuung zuhause. Im EU-Projekt „d-LIVER“ arbeiten Wissenschaftler daran, dies zu ändern. Jetzt gibt es erste Ergebnisse.

Die Leber ist eines der wichtigsten Organe. Sie ist dafür zuständig, dass wir die Nahrung richtig verwerten (Synthesefunktion) und dass giftige Stoffe aus dem Organismus gelangen (Entgiftungsfunktion). Laut der Deutschen Leberstiftung haben über fünf Millionen Menschen in Deutschland eine kranke Leber. Oft sind die Krankheitsverläufe chronisch. Die Patienten leiden beispielsweise unter Gedächtnisstörungen (Enzephalopathie), Bauchwassersucht (Aszites) oder juckenden Ablagerungen in der Haut. Medizinische Systeme, die die Leber in ihren Funktionen unterstützen, können Wartezeiten bis zur Lebertransplantation überbrücken, die Regeneration der Leber nach operativen Eingriffen beschleunigen oder Transplantationen überflüssig machen. Sie können neben der Entgiftungs- auch die Synthesefunktion übernehmen. Bislang gibt es jedoch keine zellbasierten Systeme, die medizinisch zugelassen sind. Gleichzeitig fehlen telemedizinische Plattformen, die es erlauben, Patienten mit chronischen Lebererkrankungen auch außerhalb des Krankenhauses zu beobachten und zu behandeln. „Das würde die Qualität der medizinischen Betreuung und die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern“, sagt Stephan Kiefer, Informatiker am Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT in St. Ingbert bei Saarbrücken.


Wie funktioniert die „Care Flow Engine“?

Im EU-Projekt „d-LIVER“ entwickelt das IBMT zusammen mit europäischen Partnern ein IT- und zellbasiertes System, mit dessen Hilfe Menschen mit chronischem Leberversagen in den eigenen vier Wänden medizinisch unterstützt werden können. Die Technologen sind dabei für die Programmierung der IT-Plattform und die Entwicklung der Sensorik verantwortlich, mit der der Zustand der Leberzellen im zellbasierten System gemessen wird. Am weitesten fortgeschritten sind am IBMT aktuell die Arbeiten am Patientenmanagementsystem. Die Wissenschaftler vereinen dabei Komponenten der Telemedizin, wie Vor-Ort-Überwachung und Telemonitoring für Ärzte, mit einem System, das bei Entscheidungen unterstützt, der „Care Flow Engine“. Kiefer erklärt: „Wir haben es geschafft, dass von Ärzten entworfene Behandlungspläne von unserer IT-Technologie so benutzerfreundlich und automatisiert umgesetzt werden, dass chronisch Leberkranke längerfristig adäquat zu Hause behandelt werden können.“
Dazu haben die Wissenschaftler die IT-Applikation „Personal Health Manager“ entwickelt. Patienten können sie bequem als App auf ihrem Tablet abrufen. Sie führt alle Daten von Geräten, die Blutdruck, Herzfrequenz, Gewicht, Temperatur und Leberwerte messen, sowie die Behandlungspläne aus der „Care Flow Engine“ zusammen. „Es geht insbesondere darum, typische Komplikationen, die bei Lebererkrankungen entstehen, optimal zu behandeln“, sagt Kiefer. Das geschieht durch Tests, Fragen, Aufgaben oder Handlungsanweisungen. Das System bewertet die Ergebnisse automatisch, schlägt Anpassungen von Medikamentendosen vor und gibt Handlungsempfehlungen, die dann von Arzt und Patient gemeinsam diskutiert werden.
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