20.12.2016

Ausschreibungen bei Hilfsmitteln gefährden Patientenwohl

Berlin – Bedarfsgerechte Qualitätsaspekte müssen bei der Hilfsmittelversorgung zwingend berücksichtigt werden, insbesondere bei sensiblen Bereichen wie der Inkontinenz- und Stomaversorgung sowie bei der intermittierenden Katheterisierung (ISK). Dies forderten Fachmediziner sowie Vertreter von Patienten und Herstellern auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin.

Ausschreibungen bei Hilfsmitteln gefährden Patientenwohl„Wir brauchen keine Ausschreibungen“, sagt Klaus Grunau, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) und Sprecher der Initiative „Faktor Lebensqualität“, ein Zusammenschluss führender ISK-Hersteller im BVMed. „Die Lebensqualität der Patienten leidet massiv, wenn die Beratung und andere Dienstleistungen am und für den Patienten eingespart und nur Produkte ausgeschrieben werden.“ Grunau fordert, in diesen sensiblen Bereichen als erste Vertragsoption Beitrittsverträge nach § 127 Abs. 2 SGB V. Unabhängig davon sollten in allen anderen Hilfsmittelbereichen die Ausschreibungen ausgesetzt werden, bis die Qualitätssicherungsmaßnahmen aus der Hilfsmittelreform greifen. Der Entwurf des Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) sehe mit der Einführung von Qualitätskriterien und Aufklärungspflichten zwar Verbesserungen vor, es bleibe aber beim alten System.
Wie wichtig Qualität und Quantität von Inkontinenzprodukten gerade bei Patienten mit neurogenen Blasenfunktionsstörungen aufgrund einer Querschnittlähmung, Spina bifida oder multiplen Sklerose seien, betont Dr. Jörn Bremer, Urologe und Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Neuro-Urologie der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie (DMGP): „Andernfalls kann es nicht nur zu Schäden am gesamten Harntrakt und Druckgeschwüren, sondern auch zu verschiedenen schmerzvollen und kostenintensiven Langzeitschäden kommen, die Lebensqualität, soziale Teilhabe und Lebenserwartung deutlich limitieren“, warnt er.
Auch Vertreter der Patientenverbände kritisieren das Vorgehen der Kassen. „Die Ausschreibungen führen zu einer Massenversorgung mit günstigen Standardprodukten“, sagt Ilona Schlegel, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus (ASBH), einer bundesweiten Selbsthilfeorganisation. Dabei sei der Bedarf an Qualität und Quantität individuell sehr unterschiedlich. „Und das in einem der intimsten Bereiche überhaupt“, betont Schlegel. „Es gibt zwar immer bessere Produkte auf dem Markt, aber die Betroffenen bekommen sie nicht – oder nur gegen eine entsprechende Aufzahlung.“ Für viele sei dies ein weiterer Schritt in Richtung einer Zwei-Klassen-Medizin.
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