15.10.2020

Durchblutungsstörungen der Extremitäten: Beinschmerzen sollten vom Arzt abgeklärt werden

Schwerwiegende Folgen wie Amputationen durch rechtzeitige endovaskuläre Behandlung vermeiden

Durchblutungsstörungen der Extremitäten: Beinschmerzen sollten vom Arzt abgeklärt werdenWiesbaden – Nicht nur die Gefäße des Herzens können von Gefäßverkalkungen betroffen sein: In Deutschland leiden über 4,5 Millionen Menschen an einer peripheren Verschlusskrankheit (pAVK). Durch Verengungen oder Verschlüsse der peripheren Arterien werden die Extremitäten nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt und erhalten damit weniger Sauerstoff. Zu über 90 Prozent sind die Beine betroffen. Bleibt die pAVK längere Zeit unentdeckt, steigt das Risiko für schwere Folgen wie Amputation, Schlaganfall und Herzinfarkt. Umso wichtiger ist es, mögliche Symptome frühzeitig vom Arzt abklären zu lassen. Zur Behandlung existieren etablierte minimal-invasive Therapieverfahren, wobei moderne Stents die Möglichkeiten der Gefäßtherapie erweitern.

In der Hochphase der Corona-Pandemie war in Deutschland die Zahl der Facharzt-Besuche stark zurückgegangen. Patienten waren verunsichert und hatten Angst vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2, Krankenhäuser haben planbare Eingriffe verschoben und Ärzte mussten sich auf die Behandlung dringender Fälle konzentrieren. Gerade bei chronischen oder fortschreitenden Erkrankungen ist aber eine frühzeitige Diagnose und Therapie enorm wichtig, um schwerwiegende Folgen zu vermeiden. Dies betrifft auch die pAVK, die nach einer gewissenhaften Vorsorge, genauen Früherkennung und individuell angepassten Therapie und Nachsorge verlangt. So zeigt eine kürzlich publizierte Studie zur pAVK aus Italien, dass die Anzahl der Amputationen während des Corona-Lockdowns um fast 50 Prozent gestiegen war.1 Aus anderen Ländern werden ähnliche Zahlen berichtet.

„Schaufensterkrankheit“ macht sich oft beim Gehen bemerkbar

Die pAVK ist eine fortschreitende Erkrankung und kann in sieben Stadien unterteilt werden. Sie ist so gefährlich, weil sie lange beschwerdefrei verläuft. Betroffene merken die Arterienverengung vor allem durch Schmerzen in den Beinen beim Gehen. Oft bekommen sie schon nach wenigen hundert Metern starke Krämpfe im Gesäß, Oberschenkel oder in der Wade. In der Folge können sie nicht mehr weiterlaufen, weswegen die pAVK im Volksmund auch als Schaufensterkrankheit bezeichnet wird. Verschlüsse in den Beinarterien sind Vorboten für Schlaganfall und Herzinfarkt. Ist die Durchblutung in späten Stadien so stark beeinträchtigt, dass das Gewebe im Fuß oder Bein zum Teil irreversibel geschädigt ist, drohen Amputationen. Die Sterblichkeitsrate von PAVK-Patienten ist doppelt so hoch wie die der Gesamtbevölkerung.

Moderne Stents und Medikament-freisetzende Dilatationsballons bieten effektive Therapieoption bei Gefäßverschlüssen

Die Behandlung früher Stadien der pAVK setzt stark auf Prävention und Änderungen im Lebensstil mit ausreichender Bewegung und regelmäßigem Gehtraining. Wenn die konservative Therapie mit Gehtraining nicht ausreichend oder die pAVK bereits fortgeschritten ist, muss die Blutversorgung in den meisten Fällen durch einen operativen Eingriff wieder hergestellt werden. Dies kann durch eine klassische Bypass-Operation geschehen. Schonender ist ein minimal-invasiver Eingriff wie das Aufdehnen des verengten Gefäßabschnittes mit Hilfe eines Ballonkatheters, auch in Kombination mit der Platzierung eines Stents. Die endovaskuläre Therapie wird dabei stetig weiter entwickelt und erlaubt es dem Arzt, die individuelle Situation des Patienten zu berücksichtigen.
So können Medikament-freisetzende Ballons eingesetzt werden, die während des Aufdehnens ein Medikament abgeben, um das Risiko eines erneuten Verschlusses (Restenose) zu reduzieren. Bei komplexen Stenosen können bei diesem Verfahren zum Abstützen des Gefäßes anschließend Stents implantiert werden. Auch besteht die Möglichkeit, direkt Stents zu implantieren, um das Gefäß zu öffnen und abzustützen. Dazu wurden mittlerweile spezielle Stents entwickelt, die flexibel und knickstabil sind und die natürliche Bewegung der Beinarterie nachahmen. Neben der Stabilität und der Flexibilität des Stents ist für die Anpassungsmöglichkeiten an die Gefäßanatomie auch die Stentgröße von Bedeutung: Neue Zwischengrößen ermöglichen es dabei dem Arzt, nun noch besser auf die individuelle Gefäßsituation einzugehen: Durch die Wahl des jeweils am besten passenden Stentdurchmessers kann ein angemessener Lumengewinn in Relation zur ermittelten Gefäßgröße erreicht werden.
Über ein so genanntes „Spot-Stenting“ mit Mehrfachstentsystemen (MSS) ist zudem eine gezielte Lumenstabilisierung möglich, bei der der Metallanteil im Gefäß gegenüber langen Stents deutlich reduziert ist und die natürliche Biodynamik des Gefäßes bestmöglich erhalten wird. Im Vergleich zu bisherigen Stent-Systemen haben die MMS nicht nur einen (langen) Stent, sondern sechs kurze Stent-Segmente geladen. Vorteile sind der Erhalt der natürlichen Gefäßbewegung bei reduziertem Trauma sowie ein geringes Risiko von Stentfrakturen auch in bewegten Segmenten.

1An increased severity of peripheral arterial disease in the COVID-19 era. Sena, Giuseppe; Gallelli, Giuseppe. J Vasc Surg ; 72(2): 758, 2020 Aug.
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