18.03.2005

Peritonealdialyse - Rettung für Neugeborene mit Nierenversagen

Normales Wachstum und Entwicklung möglich dank schonendem Dialyseverfahren

Peritonealdialyse - Rettung für Neugeborene mit NierenversagenEltville, 18. März 2005
Vor drei Jahren kam Gabriel Schneider in Tübingen mit Nierenversagen zur Welt. Für den Neugeborenen bestand Lebensgefahr, weil sein Blut nicht von den körpereigenen Giftstoffen gereinigt werden konnte. Langfristig war Gabriels einzige Überlebenschance die Transplantation einer neuen Niere. Fast drei Jahre hat es gedauert, bis ein geeignetes Spenderorgan gefunden wurde und Gabriel kräftig genug für den Eingriff war. Die bange Zeit bis zur Transplantation hat Gabriel dank eines schonenden Blutwäscheverfahrens, der Peritonealdialyse, überstanden. Eine neue Software erlaubt jetzt erstmals auch die gezielte Anwendung der automatischen Variante dieser Nierenersatztherapie bei Säuglingen und Kleinkindern.

Bei der Geburt wog Gabriel nur zwei Kilo. Er wurde sofort auf die Intensivstation verlegt. Schon während der Schwangerschaft war durch Ultraschall festgestellt worden, dass seine Harnröhre verengt war: Der Urin staute sich bis in die Nieren zurück, so dass die normale Entwicklung der Nieren nicht möglich war. Die Ärzte machten den Eltern zunächst wenig Hoffnung auf Gabriels Überleben. Die bei Erwachsenen übliche Blutwäsche per Hämodialyse kam nicht in Frage, weil die Belastung für den Kreislauf eines Neugeborenen viel zu groß ist. Deshalb wurde die Fehlfunktion der Niere per Peritonealdialyse ausgeglichen. Allerdings waren die zulässigen Dialysatmengen so gering, dass eine Krankenschwester alle halbe Stunde das verbrauchte Dialysat aus dem kleinen Bauch auslaufen lassen und durch frisches Dialysat ersetzen musste - ein sehr aufwendiges Verfahren, das nicht über Wochen und Monate durchzuführen ist. Eine schwere Zeit für Gabriels Eltern: "Wir hatten furchtbare Angst, dass unser Kind nicht durchkommen wird." Dr. Oliver Amon, Spezialist für Kinderdialyse an der Tübinger Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, gab der Familie neue Hoffnung. Er empfahl für Gabriel die Behandlung mit der automatischen Peritonealdialyse. Statt einer Krankenschwester übernimmt hier ein Automat, der so genannte Cycler, den Wechsel des Dialysats. Die Erfolge stellten sich schnell ein: Gabriels Zustand stabilisierte sich, er nahm rasch Gewicht zu und konnte schon nach sechs Wochen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Die Eltern hatten eine intensive Schulung bekommen, um die Behandlung täglich fortsetzen zu können. Doris Schneider: "Zu Beginn hatten wir ein wenig Angst vor der Technik und dem Aufwand, der mit der Behandlung verbunden ist. Aber wir haben uns schnell daran gewöhnt und waren so glücklich, Gabriel zu Hause zu haben!"

Gabriel "verschlief" die Dialyse - tagsüber hatte er ein fast normales Leben

Dialyse ist ein anderes Wort für Blutwäsche - eine lebenswichtige Aufgabe, die normalerweise die Nieren erfüllen. Die Peritonealdialyse (Peritoneum = Bauchfell) nutzt die natürlichen Eigenschaften des Bauchfells, um das Blut zu filtern und zu reinigen. Über einen kleinen Katheter wird die Dialyselösung direkt in den Bauchraum eingelassen. Hier nimmt sie die schädlichen Stoffe auf, reinigt also das Blut, wird nach einigen Stunden über den Katheter abgelassen und gegen frische Lösung ausgetauscht. Diese Prozedur wird mehrmals täglich wiederholt. Weil die Peritonealdialyse weitgehend der natürlichen Arbeitsweise der Niere entspricht, ist sie schonend und auch für Kinder geeignet: Der Kreislauf wird weniger belastet und das Infektionsrisiko ist geringer als bei der Hämodialyse.

Um Gabriel das Leben so leicht wie möglich zu machen, setzte Dr. Amon den Cycler in der Nacht ein. Das Gerät ist so effizient, dass nach der Dialyse noch Zeit für ein normales Leben bleibt. "Gabriel verschlief seine Dialyse im wahrsten Sinne des Wortes. Alles wurde nachts geregelt - so hatte er tagsüber Zeit, sich zu bewegen und altersgemäß zu entwickeln", beschreibt Dr. Amon den Nutzen des Gerätes.
Um den Cycler individuell zu steuern, wurde erstmals in Europa eine spezielle Software verwendet: "Erst die neue Software ermöglicht die Anwendung der automatischen Peritonealdialyse bei Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern. Schon ab kleinen Füllmenge von 60 ml können jetzt diese Kinder zu Hause sicher dialysiert werden." Das konnte bisher nur in der aufwändigen kontinuierlichen Peritonealdialyse (CAPD) geleistet werden, bei der die Dialyselösung von Hand gewechselt werden muss. Zum Vergleich: Erwachsene haben eine Füllmenge von 1.500 bis 2.500 ml!

Der Einsatz hat sich gelohnt - heute hat Gabriel eine neue Niere

Doris und Christoph Schneider haben sich schnell daran gewöhnt, die automatische Peritonealdialyse selbständig durchzuführen. So konnte Gabriel ein fast normales Leben führen. Zum Glück, denn "körperliche und geistige Entwicklungen, die Kinder in dieser Zeit nicht durchlaufen, können sie später nicht mehr aufholen", so Dr. Amon. Gabriel entwickelte sich so gut, dass seine Eltern schon bald mit ihm - und natürlich der Peritonealdialyse-Ausstattung - in Urlaub fahren konnten. Vor wenigen Monaten hat Gabriel ein Schwesterchen bekommen, und kurz darauf wurde für ihn eine passende Spenderniere gefunden! Die Eltern sind froh, dass der inzwischen Dreijährige die Operation gut verkraftet und sich zu einem quicklebendigen Jungen entwickelt hat. Rückblickend wollen sie allen Eltern und Betroffenen Mut machen: "Es ist keine Kleinigkeit, die Dialyse selbständig durchzuführen - aber wenn man die Aufgabe und die Umstände annimmt, lebt es sich viel leichter. Und es lohnt sich!"
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