24.05.2012

12. Berliner Gespräche: Blickpunkt Patientenperspektive – Wie ist die Erwartungshaltung an innovative Medizinprodukte?

Effizienz und Sicherheit von Medizinprodukten kann durch den regelmäßigen Austausch von Patienten, Ärzten und der Industrie optimiert werden.

12. Berliner Gespräche: Blickpunkt Patientenperspektive – Wie ist die Erwartungshaltung an innovative Medizinprodukte?Medizintechnologie hilft heilen und rettet Leben. Vom Wundverband bis zum Herzschrittmacher, von der Venenverweilkanüle bis zum minimalinvasiven Operationsverfahren bei Hirnaneurysmen – Medizinprodukte sind unentbehrlich für Gesundheit und Lebensqualität der Menschen. Viele Patienten setzen große Erwartungen und Hoffnungen in die modernen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden der Medizintechnologie. Um ihre Erfahrungen hinsichtlich der Erwartungshaltung von Patienten auszutauschen, haben sich im Rahmen der 12. Berliner Gespräche der Aktion Meditech Ärzte, Vertreter von Patientengruppen, Krankenkassen und Industrie zusammen gefunden und ihre Anliegen sowie Forderungen formuliert und diskutiert.
Dr. Thomas Helms, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie sowie Vorstand der Stiftung für chronisch Kranke, erklärte anhand des Beispiels der telemedizinischen Überwachung von Herzschrittmacherpatienten, dass innovative Medizintechnologien kosteneffizient eingesetzt werden können. In erster Linie bedeute das, dass der Patient besser überwacht wird und damit eine deutliche Krankheitsstabilisierung erreicht werden könne. Dabei müssten die Patienten sogar deutlich weniger Arztbesuche auf sich nehmen, denn die technischen Gegebenheiten der telemedizinischen Überwachung ermöglichen es dem Mediziner, Patientendaten täglich auszuwerten ohne die Patienten dafür sehen zu müssen.
Die Telemedizin ist nur ein Beispiel für medizintechnologische Innovationen, die für eine verbesserte Versorgung von Patienten sprechen.
Joachim M. Schmitt, Geschäftsführer des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed), untermauerte die Bedeutung von Medizinprodukten für die Lebensqualität der Patienten. Allerdings verwies er darauf, dass die Erwartungshaltung der Patienten stetig steige und damit auch die Anforderungen an die Produkte beziehungsweise an die Industrie. Schmitt hält den Rechtsrahmen, der derzeit für die Bewertung von Medizinprodukten existiere, für ausreichend und vergleicht die Regelungsdichte mit der der Arzneimittelherstellung. Um höchste Sicherheitsstandards und Therapieerfolge der Medizinprodukte gewährleisten zu können, sei die Zusammenarbeit aller Beteiligten essenziell: „Ärzte müssen dementsprechend weitergebildet sein, Patienten müssen sich an verschiedenste Vorgaben halten und die Produkte müssen eine bestimmte Qualität aufweisen“, so Schmitt. Ein offener Dialog könne helfen, die Erwartungshaltung der Patienten mit den Möglichkeiten der Industrie und der Medizin in Einklang zu bringen. Negative Bilanzen von einzelnen Medizinprodukten im Therapieeinsatz, sollten nicht dazu veranlassen, in Zukunft auf Innovationen zu verzichten, betonte Schmitt. Aufklärung sei erforderlich – ohne aber die Patienten zu verunsichern oder gar zu verängstigen.

Neutral und umfassend informieren

Marion Rink von der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (BAG SELBSTHILFE) unterstrich, wie wichtig umfassende Versorgungs- und Aufklärungsprogramme seien. Als Beispiel führte sie das Endoprothesenregister an, welches schon auf vielfältige Weise diskutiert wurde und immer noch wird. Schweden könne mittels eines solchen Registers bis zu 25 Prozent weniger Revisionen aufweisen, so Rink. Sie verwies auch darauf, dass Patienten bei der Wahl ihrer Therapie in der Regel eher den Erfahrungswert des Arztes in Betracht zögen als die neuesten Innovationen.
Ebenso wichtig wie technische Neuerungen und deren Sicherheit sind individuelle Bedürfnisse der Patienten. Ilona Schlegel, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus e. V. (ASBH) erklärte, dass nicht jede Innovation für jeden Patienten die gleichen Vorteile böte. Die Lebensqualität könne ganz unterschiedlich bewertet werden und Patientenbedürfnisse müssten bei der Wahl der Therapie beachtet werden. Das bedeute, Kosten und Nutzen eines Eingriffs mittels Medizintechnologien müssten individuell evaluiert werden. Den Patienten müsse bewusst sein, dass es keinen Eingriff ohne Nebenwirkungen gibt.

Effektive Medizinprodukte können Patienten und Gesundheitssystem entlasten

Die Kosteneffizienz der Telemedizin habe sich schon durchaus bewährt, erklärt Dr. Volker Leonhardt, Kardiologe an der Zentrale für Telemedizin Berlin, anhand seiner Praxiserfahrung. Insbesondere in ländlichen Gebieten zeige sich, dass Innovationen wie die Telemedizin dafür sorgen, dass trotz weniger Arztkonsultationen die Versorgung chronisch herzkranker Patienten deutlich verbessert wurde: „Mittels der Telemedizin lassen sich eine optimale Qualitätssicherung und die lückenlose Transparenz in der Herzschrittmacher- und Defibrillatortherapie erreichen“, schlussfolgerte Leonhardt.
Um aber tatsächlich kosteneffektiv zu therapieren, müssten die Versorgungskataloge angepasst werden – eine Doppelbelastung müsse vermieden werden. Dies hieße, dass es sich bei Innovationen nicht um zusätzliche Therapien handeln sollte, sondern dass sie im Falle von höherer Effektivität, alte Methoden ablösen müssten.
Dazu müssten auf den Markt kommende medizintechnologische Innovationen genauestens evaluiert werden, unterstrich Dr. Martin Kluxen vom Verband der Ersatzkassen (vdek). Aus Sicht der Kassen sei die Evidenzerbringung neuer Innovationen in der Medizintechnologie zum derzeitigen Zeitpunkt aber noch ernüchternd.

Für Innovationen offen bleiben

Dr. Rolf Koschorrek, Mitglied des Deutschen Bundestages, hob hervor, dass Deutschland im EU-Vergleich als innovationsoffen gelte und sich das Gesundheitswesen prinzipiell in einem Umbruch befände. Er bezog sich dabei auf den demografischen Wandel und den damit verbundenen Anstieg von älteren, multimorbiden Patienten. Um die Anpassung des Gesundheitssystems an die Bedürfnisse der Patienten besser zu begleiten, müsse sich die Vernetzung der beteiligten Strukturen noch verbessern, erklärte Koschorrek weiter: „Vernetzungen fehlen, Lotsenfunktionen werden benötigt“, verdeutlichte der im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages tätige Politiker. Koschorrek stellt die Untergliederung in einzelne Sektoren prinzipiell in Frage, denn er glaube nicht, dass dieses System den Bedürfnissen aller Beteiligten gerecht werde.
„Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein“
Der Dialog sei der zentrale Schlüssel zur Versorgungsoptimierung mit innovativen Medizintechnologien, waren sich die Podiumsteilnehmer einig. Joachim M. Schmitt wünschte sich daher seitens der Industrie den regelmäßigen Austausch mit Patienten: „Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein“ betonte Schmitt. Eine Verpflichtung durch den Gesetzgeber zu regelmäßigen Gesprächen könne helfen, Bedürfnisse der Patienten nach Sicherheit und Effektivität zu maximieren und damit Innovationen besser einsetzen zu können. Weiter legte Schmitt dar, dass die Industrie bereits jetzt Produktdaten kostenlos zur Verfügung stelle. Die Entwicklung von „Nachverfolgungsregistern“ könne also auch aus Sicht des BVMed dazu beitragen, Revisionen einzudämmen. Allerdings spiele hier die Beteiligung der Kassen eine entscheidende Rolle, erklärt Schmitt, denn nur sie könnten die Aktualität der Patientendaten gewährleisten.

Die Diskussion hat gezeigt, dass medizintechnologische Innovationen von den unterschiedlichsten Gruppen als notwendig und gut erachtet werden. Um den Einsatz dieser weiter zu optimieren und bestmögliche Sicherheit zu gewährleisten, müsse die Zusammenarbeit aller Beteiligten gefördert werden – der erste Schritt in diese Richtung müsse der regelmäßige Austausch von Patienten, Anwendern und Industrie sein.
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