19.11.2014

"Mein Schrittmacher ermöglicht mir ein nahezu normales Leben"

Eine Patientengeschichte von Inga Drossart

Die 33-jährige Politikwissenschaftlerin Inga Drossart ist seit 15 Jahren Herzschrittmacherpatientin. Hier berichtet sie über ihre Erfahrungen:

"Mein Schrittmacher ermöglicht mir ein nahezu normales Leben"Seit 15 Jahren bin ich nun Herzschrittmacherpatientin, beinahe mein halbes Leben. Dabei hatte alles mit einem Problem begonnen, für das ein Herzschrittmacher gar keine Lösung ist: Herzrasen. Mein Herz lief einen Dauermarathon, es schlug permanent mit einer Frequenz von weit über 100 Schlägen/Minute, sogar im Tiefschlaf. Ich war müde, erschöpft, hatte Herzklopfen, Luftnot. Beim Schulsport habe ich regelmäßig schlapp gemacht, obgleich ich früher immer eine sehr gute Sportlerin gewesen war, die turnte, Fußball spielte, später zum Tischtennis und letztendlich zum Basketball wechselte. Doch ab dem Alter von etwa 15 bis 16 Jahren wurde der Alltag immer anstrengender, wurde ich immer müder. Der Hausarzt schob es auf die Pubertät. Ein Internist diagnostizierte schließlich das ständige Herzrasen als Ursache aller Beschwerden.

Leider stellte sich bald heraus, dass mein Herzrasen seinen Ursprung in einer Fehlfunktion des Taktgebers des Herzens, dem Sinusknoten, hatte. Statt 60-80 Schläge/Minute in Ruhe, gab mein Sinusknoten doppeltes Tempo vor. Sobald ich mich nur ein klein wenig belastete, stieg die Frequenz auf 180-190 Schläge/Minute an. Medikamentöse Therapien schlugen fehl, man konnte den Taktgeber nicht bremsen. Somit kam nur eine so genannte „Hochfrequenz-Katheterablation“ in Frage, eine Behandlungsmethode mit speziellen Herzkathetern, mit denen man Rhythmusstörungen im Herzen aufspüren und mittels Hochfrequenzstromabgaben gezielt ausschalten kann. In der dritten Sitzung wurden letztendlich große Teile meines Sinusknotens zerstört. Wenige Wochen später bekam ich im Alter von 18 Jahren meinen ersten Herzschrittmacher, denn aufgrund des nun kaputten Sinusknotens schlug mein Herz immer langsamer und nachts kam es zu Pausen von über 4 Sekunden Länge. Im Laufe der Jahre kamen weitere Rhythmusstörungen hinzu, folgten weitere Ablationen, Schrittmacheroperationen und auch eine OP am offenen Herzen. Letztendlich musste die elektrische Überleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern, der AV-Knoten, durchtrennt werden. Daher stimuliert mein Herzschrittmacher nun zu 100 Prozent und übernimmt nicht nur die Rolle des Taktgebers, sondern sorgt auch dafür, dass Vorhöfe und Kammern synchron schlagen. Zugegeben, es war ein steiniger Weg mit vielen Aufs und Abs. Immer wieder galt es, sich nicht unterkriegen zu lassen, sich wieder aufzurappeln und weiterzumachen. Trotz aller Schwierigkeiten bin ich sehr dankbar für meinen Schrittmacher und alles, was er kann. Er ermöglicht mir ein, im Vergleich zu gesunden Gleichaltrigen, nahezu normales Leben.

Ja, ohne meinen Herzschrittmacher wäre vieles, was ich in den vergangenen 15 Jahren geschafft und erlebt habe, nicht möglich gewesen: Das fängt beim Abitur an, geht über das Bachelor- und Masterstudium, Praktika und den Einstieg in den Beruf. Ich kann auf ehrenamtliche Einsätze auf großen internationalen Konferenzen, im Ronald McDonald Haus Berlin oder bei der Deutschen Herzstiftung zurückblicken und habe tolle Reisen z.B. bis an die amerikanische Westküste unternommen. Ich kann mit Freunden etwas unternehmen. Und auch sportlich bin ich inzwischen wieder aktiv. Zu Beginn meiner Herzerkrankung konnte ich die 800m im Sportunterricht nicht mehr laufen, kam oft kaum eine Treppe hoch. Heute schaffe ich es, fast 10 Kilometer am Stück zu laufen! Das Laufen ist zu einer Art vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen meinem Herzen, dem Schrittmacher und mir geworden. Hier spüre ich, dass alles funktioniert wie es funktionieren sollte und ich sportlich wieder etwas leisten kann. Was lange Zeit unmöglich erschien, ist durch die Unterstützung dieses kleinen elektronischen Helfers in meiner Brust möglich. Für 2015 habe ich drei 10km-Läufe in Berlin fest im Blick – und wenn ich die gut schaffe, wer weiß, was dann noch möglich ist! Ohne die Möglichkeit, einen Herzschrittmacher einsetzen zu können, wären letztendlich auch viele meiner Behandlungen gegen die schnellen Rhythmusstörungen nicht möglich gewesen. Weil meine Ärzte auf einen Herzschrittmacher zurückgreifen konnten, waren die Katheterablationen überhaupt eine Therapieoption – sie wussten, dass sie meinen kranken Sinusknoten notfalls zerstören und einen Schrittmacher einsetzen könnten, der fortan seine Funktion übernehmen würde. Das Gleiche gilt für meine AV-Knoten-Ablation. Nur weil es die Herzschrittmachertherapie gibt, mit der das Herz effektiv und sicher stimuliert werden kann, sind solche Therapien überhaupt möglich geworden.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Hersteller dieser technischen „Wunderwerke“ etwas mehr auf die Ansprüche der jüngeren Herzpatienten eingehen und in Studien mehr Daten zu diesem Patientenkollektiv sammeln. Und neue Patienten möchte ich dazu ermutigen, sich gut zu informieren, ihre Ärzte Löcher in die Bäuche zu fragen, sich mit anderen Patienten auszutauschen, denn Wissen ist Macht und Wissen beruhigt. Ein bisschen Angst vor der Implantation und davor, wie das Leben mit einem Schrittmacher sein wird, ist normal und gehört dazu. Aber denken Sie daran: Ein Schrittmacher schränkt nicht ein – nein, im Gegenteil, er stellt Lebensqualität her!
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