01.07.2003

James Chaney

"Hey, wach auf - das Leben ist phantastisch!"

James ChaneyJames Chaney
53 Jahre, verheiratet, ein Sohn,
lebt seit 7 Jahren mit einem implantierten Defibrillator.

Als Unteroffizier der American Forces kommt James Chaney nach Berlin: Topfit, ein lebenslustiger und kerngesunder junger Mann voller Pläne und Ideen. Aus sprichwörtlich heiterem Himmel erleidet er 1987, mit 37 Jahren, einen massiven Vorderwandinfarkt, in dessen Folge sich ein Aneurysma an der rechten Herzkranzarterie bildet. Prof. Hetzer führt am Deutschen Herzzentrum Berlin eine Bypass-Operation durch. James Chaney schwebt nun nicht mehr in Lebensgefahr, doch er ist seitdem zu 70 % schwerbehindert.

"Ich fühlte mich in meinen besten Jahren urplötzlich mitten aus dem Leben gerissen. Es war ein Schock. Schwerbehindert und in einem fremden Land, was fängt man da an? An ein Berufsleben war nicht mehr zu denken. Aber mir wurde klar: Es gibt keine Möglichkeit, außer die Situation anzunehmen und das Leben in die Hand zu nehmen."

Den Hang zur Kreativität hatte James schon immer - aber noch nie wirklich ausgelebt. Er fängt an, Texte und Gedichte zu schreiben und wird Performance-Künstler. Das Berlin der späten 80er und frühen 90er Jahre kennt den charismatischen Mann zusammen mit Jazz- oder klassischen Musikern auf der Bühne.

"Der Infarkt war für mich der Anlass, mich selbst neu zu erfinden und mich auszudrücken. Ich habe viel zu geben, und ich habe es geliebt, auf der Bühne zu stehen, den Menschen etwas von mir mitzuteilen, gute Energie zu übertragen. Ob Du nun krank bist oder gesund, spielt letztlich keine große Rolle - wichtig ist der Zugang zu etwas Größerem. Wenn Du den hast, hast Du Kraft. Es war eine spannende Zeit!"

Und dann kommt die zweite große Zäsur in seinem Leben. An einem Sommerabend 1996 - Herr Chaney sitzt zuhause vor dem Fernseher - wird ihm plötzlich übel. Kalten Schweiß auf der Stirn, schleppt er sich ins Bad. Hier bricht die Erinnerung ab. Seine Frau findet ihn kurz darauf bewusstlos, holt sofort den Nachbarn: Franz ist angehender Arzt und hält James' Herz in Bewegung, bis acht Minuten später der Notarzt eintrifft. Dieser kämpft 45 Minuten lang mit allen Mitteln um das Leben des Patienten - nicht zuletzt deswegen, weil er ihn als besonderen Fall bereits aus Studienzeiten kennt. Schließlich ist die Wiederbelebung erfolgreich, doch James liegt eine volle Woche im Berliner Urban-Krankenhaus im Koma.

"Als mein Bewusstsein langsam wieder zurückkam, sah ich meinen Vater mit der Bibel auf den Knien an meinem Bett sitzen - da bekam ich Angst. Irgendetwas Schlimmes musste passiert sein, und ich wusste noch nicht was. Erst später habe ich begriffen, was für ein unglaubliches Glück ich hatte, noch am Leben zu sein!"

Noch auf der Intensivstation legten die Ärzte Herrn Chaney nahe, sich einen Defibrillator implantieren zu lassen: Ein kleines microcomputergesteuertes Gerät, in der Fachsprache ICD genannt, das unregelmäßigen oder zu schnellen Herzschlag durch elektrische Impulse ausgleicht und so zuverlässig den Plötzlichen Herztod verhindert. 1996 war diese Technologie noch recht jung, weltweit gab es erst 50.000 Menschen, die mit einem Defi lebten.

"Ich fragte: Wie lange muss ich das Gerät tragen? Die Ärzte sagten: Für immer, mein Leben würde davon abhängen. Die Vorstellung fand ich erst schrecklich. Doch es gab keine Alternative, und so fing ich an, mich damit auseinander zu setzen, mich zu informieren, mich anzufreunden!"

Die Implantation des Defi verlief ohne Komplikationen. Zweimal wurde das Gerät mit der Batterie seitdem ausgewechselt (ein Routineeingriff), und nur einmal in den sieben Jahren erhielt James einen starken Stromimpuls. Mit ein wenig Stolz und einem schalkhaften Lächeln nennt er den Defi: "Meine Lebensversicherung!" James Chaney ist heute so vital und sieht so jung aus, dass man ihm seine 53 Jahre, seine Schwerbehinderung und seine Krankengeschichte kaum glauben mag. Wie macht er das?

"Der ICD ist mein guter Freund, meine Lebensversicherung. Aber die Technologie allein macht es nicht. Du musst selbst etwas für Dich tun! Das Wichtigste ist: Du darfst nicht gegen Dich selbst kämpfen. Glaube an Dich und an das, was Du tust. Jedesmal, wenn Du eine Etappe gemeistert hast, gibt es etwas Neues zu entdecken und zu lernen. Ich möchte die Leute am liebsten schütteln und sagen: Hey, wach auf, das Leben ist phantastisch, schau, was alles möglich ist! - Die Schwestern und Ärzte mochten mich immer sehr, weil ich ihnen diese positive Energie gegeben habe!"
Besuchen Sie uns auf Facebook Besuchen Sie uns auf Twitter