02.11.2020

Diabetesmanagement: Neues „Hybrid closed loop“-System kann die Zeit im Zielbereich erhöhen

Interview mit Jörg Herklotz, Patient mit Typ-1-Diabetes

Jörg Herklotz ist 56 Jahre alt, 1988 wurde bei ihm nach einer Operation Typ-1-Diabetes diagnostiziert. Für Menschen mit Typ-1-Diabetes erfordert die Erkrankung tägliche Aufmerksamkeit und Disziplin, um eine gute Stoffwechseleinstellung zu erreichen. Technische Systeme können in der Therapie dabei unterstützen: Seit 1996 ist Jörg Herklotz Insulinpumpenträger. Im Dezember 2019 wechselte er auf ein „Hybrid closed loop“-System: Die weltweit erste Insulinpumpe mit adaptiver automatischer basaler Insulinabgabe passt sich an die individuellen Anforderungen jedes Patienten an und nimmt ihm viele tägliche Entscheidungen ab. Das aus Sensor, Algorithmus und Pumpe bestehende System bringt das Diabetesmanagement näher an die natürliche Insulinausschüttung heran. Es misst alle fünf Minuten die Gewebsglukose und passt die Insulinzufuhr automatisch an den Bedarf an. Es unterbricht sie, wenn sich die Werte dem Bereich einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) nähern und führt sie automatisch fort, wenn sich die Werte wieder normalisieren. Indem sich das System an die individuellen Anforderungen jedes Patienten anpasst, kann die Zeit im Zielbereich erhöht werden. Diese gibt an, wie lange die Glukosewerte prozentual in einem Bereich von 70-180 mg/dl liegen. Im Interview berichtet Herr Herklotz über sein Leben mit der Erkrankung und seine ersten Erfahrungen mit der neuen Insulinpumpen-Technologie.

Diabetesmanagement: Neues „Hybrid closed loop“-System kann die Zeit im Zielbereich erhöhen

Inwieweit schränkt der Diabetes Sie beruflich oder in Ihrer Freizeit ein? In welchen Bereichen besteht bei Ihnen als Patient ein besonderer Beratungsbedarf hinsichtlich der Herausforderungen im Alltag?

Bisher ist es mir gelungen, Einschränkungen durch meinen Diabetes im Beruf und im Alltag auf ein Minimum zu reduzieren. Diejenigen, die meinen Diabetes nicht kennen, bekommen von meiner Erkrankung auch nichts mit. Die ärztliche Beratung durch meinen Diabetologen oder meine Diabetesberaterin ist wichtig, um Unterzuckerungen zu vermeiden, aber auch um gegebenenfalls Folgeerkrankungen zu erkennen und bestenfalls zu vermeiden. Auch Unterstützung bei Anträgen habe ich schon benötigt.

Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen mit der Insulinpumpen-Therapie? Wie hat sich Ihr Leben seit der Umstellung auf das neue „Hybrid closed loop“-System geändert?

Ich bin bereits seit August 1996 Insulinpumpenträger. Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Anwendung einfach und sicher war und technisch nur selten Probleme bereitet hat. Starke Unterzuckerungen wurden größtenteils vermieden. Seitdem jedoch das „Hybrid closed loop“-System im Gespräch war, wollte ich mehr über diese Pumpe erfahren. Seit Dezember 2019 nutze ich nun das neue System. Am Anfang war es für mich jedoch schwierig, mit der Pumpe zurecht zu kommen. Ich musste mich mit meinem Diabetes ganz neu beschäftigen. Die Pumpe hatte zunächst viel Raum in meinem Leben eingenommen. Wichtig war es also für mich, die entsprechenden Informationen zu bekommen, um diesen Zustand zu ändern. Denn auch das neue System ist kein Selbstläufer: Es erfordert eine gute Aufklärung des Patienten und eine sehr gute Basisarbeit dahingehend, dass die Pumpentherapie optimal eingestellt ist. Dabei waren die Teams von meinem Diabetologen, DiaExpert sowie die Beratung durch die Service Hotline des Herstellers eine große Hilfe. In vielen Gesprächen kam ich der richtigen Handhabung und der Zufriedenheit immer näher. Heute liegen wir bei einer Zufriedenheit von 90 Prozent! Meine Unsicherheit durch Nichtwissen ist einem mehr wissenden Optimismus gewichen.

Welche Verbesserungen bringt Ihnen die neue Insulinpumpentechnologie im Hinblick auf Ihr Diabetesmanagement?

Da das System die Insulinzufuhr automatisch unterbricht, wenn sich die Werte dem Bereich einer Hypoglykämie nähern, habe ich weniger Angst vor Unterzuckerungen. Der intelligente Algorithmus ermöglicht es auch, dass man als Diabetespatient viel weniger Entscheidungen am Tag treffen muss. Das muss ich allerdings noch lernen. Das Zulassen, dass vieles automatisch läuft, fällt teilweise schwer. Langsam gewöhne ich mich aber daran.
Die neue Insulinpumpentechnologie bietet auch die Möglichkeit, dass man als Patient mehr Zeit im Zielbereich erreichen kann. Diese gibt an, wie lange die Glukosewerte prozentual in einem Bereich von 70-180 mg/dl liegen. Die Zeit im Zielbereich liegt bei mir zur Zeit bei 75 Prozent. Das ist sehr gut, da die postprondiale Zeit am Tag bis zu 6 Stunden (bei 3 Mahlzeiten) dauern kann. Die Werte liegen dann über 180mg/dl.

Wie hat sich die ärztliche Betreuung in der aktuellen Corona-Situation verändert?

Zum Glück konnten bis auf eine Schulung im März alle meine Arzttermine stattfinden. Die Schulung wurde Ende Mai nachgeholt. Die ergänzende telemedizinische Datenauswertung wurde schon vor Corona praktiziert.

Haben Sie eine Empfehlung oder Tipps für andere Menschen mit Diabetes, insbesondere im Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen durch Corona?

Regelmäßige Termine mit dem Diabetologen bzw. der Diabetologin sind gerade jetzt sehr wichtig, gegebenenfalls auch online zum Beispiel via Skype. Wichtig ist es immer, als Diabetiker gut eingestellt zu sein.
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