19.05.2011

Intelligente Thromboseprophylaxe: Intermittierende pneumatische Kompression

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Bei der intermittierenden pneumatischen Kompression (IPK) werden Manschetten mit bis zu drei Luftkammern um die Beine des Patienten gelegt. Sie werden nacheinander aufgepumpt, so dass sie das Blut aktiv aus den Beinvenen von unten nach oben in den Körper pressen. Auf diese Weise verhindert die IPK, dass sich Blut in den tiefen Beinvenen staut und gefährliche Ablagerungen entstehen.
In Deutschland sterben pro Jahr rund 40.000 Menschen an den Folgen einer Lungenembolie. Dabei handelt es sich um eine der häufigsten vermeidbaren Todesursachen. Aber auch wenn eine tiefe Beinvenenthrombose nicht zwingend einen tödlichen Verlauf haben muss - oft wird ein solcher Teil- oder Komplettverschluss nicht einmal erkannt - Schäden bleiben praktisch jedes Mal zurück. Dazu zählen Krampfadern, "offene Beine" und chronische Veneninsuffizienz. Neben dem menschlichen Leid sind die dadurch entstehenden Kosten enorm, denn Experten gehen von bis zu 150.000 nicht tödlich verlaufenden Lungenembolien in Deutschland pro Jahr aus.

In Anbetracht dieser Zahlen stellt sich die Frage, wie es mit der Thromboseprophylaxe in Deutschland bestellt ist. Grundsätzlich fußt sie auf Medikamenten und physikalischen Maßnahmen. Die Leitlinienempfehlungen besagen, dass erst bei Patienten ab einem mittleren oder hohen Thromboserisiko Medikamente zum Einsatz kommen sollten, tatsächlich erhalten aber praktisch alle Patienten gerinnungshemmende Mittel.

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Die Manschetten werden vor der Operation um die Beine des Patienten gelegt. Während des Eingriffs und in der Zeit danach sorgen sie für einen guten Blutfluss in den Beinen.
Medikamente
Blutverdünnende Medikamente wie zum Beispiel Heparin werden einmal am Tag unter die Haut gespritzt und hemmen die Gerinnung. Abgesehen von möglichen Nebenwirkungen wie Blutungen ist das Hauptproblem, dass alternative, physikalische Therapien dabei oft vernachlässigt werden.

Physikalische Maßnahmen
Hierzu zählen in erster Linie Medizinische Thromboseprophylaxestrümpfe (MTS). Sie übernehmen zum Teil die Funktion der Muskeln: aufgrund ihrer speziellen Struktur üben sie einen vom Knöchel zur Leiste hin abnehmenden Druck aus. Die Venen werden so von außen verengt und das Blut fließt schneller. Das funktioniert aber nur effektiv, wenn die MTS individuell an die Beine des Patienten angepasst werden. Eine Tatsache, die in vielen Kliniken keine ausreichende Berücksichtigung findet. Nicht selten liegen die Strümpfe bei Aufnahme des Patienten bereits auf seinem Bett oder werden einfach gewaschen und wieder verwendet. Auch das fördert nicht gerade den Thromboseschutz, denn MTS dürfen nur nach einem speziellen Wiederaufbereitungsprozess mehrfach verwendet werden. Weitere physikalische Maßnahmen sind eine frühe Mobilisation und eine entsprechende Krankengymnastik, die bereits im Krankenbett beginnen kann.

Innovation
Eine Innovation in der physikalischen Prophylaxe stellt die kombinierte Therapie mit Medizinischen Thromboseprophylaxestrümpfen (MTS) und der Intermittierenden pneumatischen Kompression (IPK) dar. Bei der IPK werden aufblasbare Manschetten mit drei Luftkammern vor einer Operation um die Beine des Patienten gelegt. Sie werden während der gesamten Operation und auch danach abwechselnd und aufsteigend vom Knöchel zur Leiste hin mit Luft gefüllt und wieder entleert (daher intermittierend). So entstehen wiederkehrende Druckwellen, die das Blut aus den tiefen Beinvenen pressen und deren vollständige Leerung fördern. Die Imitation der natürlichen Muskelpumpe sorgt für einen effektiven Abtransport des Blutes zum Herzen. Sensoren in den Manschetten überprüfen zudem regelmäßig den Füllstatus in den Venen und ermöglichen ein individuelles Timing der Kompressionszyklen, je nach Venenfüllgeschwindigkeit jedes einzelnen Patienten. Der Blutfluss wird maximiert, Stauung minimiert. Während der Operation und danach, aber auch bei längerer Bettlägerigkeit, kann das Thromboserisiko so entscheidend reduziert werden.

Deutschland im Hintertreffen
Physikalische Maßnahmen können die medikamentöse Thromboseprophylaxe nicht ersetzen, aber auch umgekehrt sollte bei Gabe von Medikamenten auf physikalische Maßnahmen nicht verzichtet werden. Ein Grund warum sich die IPK im Gegensatz zu den USA und England nur langsam durchsetzt, ist die in Deutschland übliche Praxis, sich in erster Linie auf Medikamente zu verlassen. Die IPK gilt lediglich als kostspielige Zusatzmaßnahme. Dass Medikamente aber nicht aller Weisheit Schluss sind, belegen die vielen vermeidbaren Thrombosefälle.
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