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„Es ist wichtig, sich aktiv mit der eigenen Erkrankung auseinander zu setzen.“ 29.11.2016    

Jürgen Schmidt, 57, steht mitten im Leben und ist begeisterter Hobby-Ausdauersportler. Deshalb erwischt ihn der Herzinfarkt im März 2016 auch völlig unvorbereitet. Nach der Implantation von vier Stents wird ihm der tragbare Defibrillator LifeVest verschrieben. Auf diese Weise vor dem plötzlichen Herztod geschützt, beginnt er die Reha. Ausgerechnet einen Tag nach seiner Rückkehr, als er sich auf dem Weg der Besserung glaubt, erleidet er lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen. Die Defibrillatorweste holt ihn ins Leben zurück. Jürgen Schmidt berichtet über die Unvorhersehbarkeit von Herzrhythmusstörungen und über seine Strategie, mit der eigenen Erkrankung umzugehen.

„Es ist wichtig, sich aktiv mit der eigenen Erkrankung auseinander zu setzen.“Die gesundheitlichen Probleme kamen für mich ziemlich überraschend. Bis zu meinem Innenwandriss im Hauptstamm des Herzens, dem folgenden Herzinfarkt und der einsetzenden Herzrhythmusstörungen war ich fit gewesen, keiner der klassischen Risikofaktoren traf auf mich zu: Ich rauchte nicht, und ich war aktiver Ausdauersportler. In der Woche fuhr ich durchschnittlich 600 Kilometer Rennrad und schwamm mindesten 8 Kilometer.

Innerhalb von nur 10 Tagen baute ich im März 2016 körperlich ab. Bemerkt habe ich es zuerst beim Schwimmen: Die Arme wurden mir plötzlich taub. Am 15. März 2016 um 17:30 Uhr ging ich zum Arzt und ließ ein EKG machen. Am darauf folgenden Tag, dem 16. März, wurde morgens um 7 Uhr Blut abgenommen. Beide Befunde waren unauffällig.
Innerhalb von Stunden, ungefähr ab dem frühen Nachmittag wurden die Beschwerden sehr unangenehm und immer schlimmer. Schließlich konnte ich nur noch sitzen und liegen. In der Nacht auf den 17. März hatte ich dann meinen Herzinfarkt. Im Krankenhaus wurden mir vier Stents eingesetzt. Das sind kleine Gefäßstützen, die den Blutfluss in den verengten Gefäßen wiederherstellen.

Im Gespräch mit meinem behandelnden Arzt kam anschließend heraus, dass die Pumpleistung meines Herzens schlecht war. Sie lag bei 29 Prozent. Bei einem gesunden Menschen wären 60-70 Prozent normal.
Dazu gesellten sich massive, lebensbedrohende Herzrhythmusstörungen.
Erst da habe ich die Dimension meiner Erkrankung verstanden. Ich sagte damals zu meinem Arzt: „Sie erzählen mir das so, als ob ich todkrank wäre!“ Er antwortete: „Ja, das sind Sie auch.“
Meine ersten Gedanken waren: “An der Abiturabschlussfeier meines Sohnes im Juni will ich teilnehmen!“ und „Ich steige wieder aufs Rennrad!“. Ich hatte den unbedingten Willen, soweit wieder gesund zu werden, damit dies möglich wird.

Am 24. März wurde mir aufgrund der schlechten Pumpleistung der LifeVest tragbare Defibrillator verschrieben. Damit sollte ich in der anstehenden Reha vor dem plötzlichen Herztod geschützt werden. Außerdem bestand die Hoffnung, dass sich die Pumpleistung des Herzens erholt und die Herzrhythmusstörungen wieder verschwinden.
In der vierwöchigen Reha trug ich die Weste rund um die Uhr und legte sie nur kurz zum Duschen ab. Ich machte gesundheitlich gute Fortschritte und arbeitete aktiv mit. Meistens mussten mich die Ärzte bremsen.

Über den ersten Tag nach der Reha wundere ich mich noch heute. Man meint ja immer, dass man es selbst spürt, wenn es einem schlecht geht. Aber das stimmt nicht: Ich fühlte mich an diesem 4. Mai 2016 nämlich sehr gut und erholt, ich hatte gut geschlafen und gut gefrühstückt. Ich war alleine zu Hause und saß entspannt an meinem Schreibtisch im Büro, als plötzlich die Defibrillatorweste Alarm schlug: Ich hatte lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen (Kammerflimmern) und Atemnot.
Schließlich wurde ich von der LifeVest Defibrillatorweste mit einem elektrischen Behandlungsimpuls geschockt, um den normalen Herzrhythmus wiederherzustellen.

Eine wichtige Erkenntnis dieses Tages möchte ich gerne an andere Patienten weitergeben: Egal, wie gut du dich fühlst, der plötzliche Herztod kann dich von jetzt auf gleich ohne Vorwarnung treffen. Wenn ich ohne LifeVest alleine zu Hause gewesen wäre, wäre ich tot gewesen. Für mich ist die Weste ein Segen.
Und noch etwas anderes war sehr wichtig für mich: Ich habe damals sofort und eingehend das Patientenhandbuch gelesen, um genau zu wissen, wie die Weste funktioniert. Das hat mir sehr geholfen, die Defibrillatorweste gut in mein Leben zu integrieren und vor allem richtig zu reagieren als ich von ihr behandelt wurde. Ich kann jedem Betroffenen nur empfehlen, sich mit der eigenen Erkrankung und mit der Defibrillatorweste auseinanderzusetzen. Es würde heute ja auch keiner ins Auto steigen, ohne sich anzuschnallen.

Als ich nach der Behandlung durch die LifeVest wieder zu mir kam, rief ich selbst den Rettungsdienst an. Ich erinnere mich, dass ich sogar noch mein Laptop heruntergefahren habe, den Haustürschlüssel, Handy und den Abschlussbericht aus der Reha einsteckte.
Dann habe ich dem Rettungsdienst die Tür geöffnet. Seit dem 10. Mai 2016 trage ich nun einen implantierbaren Cardioverter Defibrillator (ICD), der mich dauerhaft vor lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen schützt. Ich bin jetzt wieder wie vorher. Ich bin fit und treibe Sport. Ich fahre seit Mitte Juli nun wieder meine 80 km Rennradtouren. Seit dieser Zeit bin ich bereits 2.500 km gefahren.
Früher hat mich keiner überholt, heute ist das schon so. Ich mache von allem ein bisschen weniger und ich mache es langsamer. Ich bin überzeugt, dass mir mein Wille gesund zu werden, geholfen hat.

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